Ladies und Gentlemen, herzlich willkommen zu unserer ersten Auktion „Spendengelder für die ärmsten Backpacker dieser Welt“. Zahlreiche exklusive Angebote stehen Ihnen heute zur Verfügung. Der Höhepunkt des Abends aber ist:

Die Versteigerung dieses wunderschönen Oldtimers

Es handelt sich hierbei um ein Sammlerstück, altmodisch und klassisch – ein 94er Modell der Marke Ford. Gut eingefahren und dabei strahlt es immer noch wie neu, schließlich wurde fünfmal darüber lackiert. Der braune Auspuff  mit einem exquisiten Draht befestigt, die Reifen so glatt, dass der Finger keinerlei Rillen spürt und der Motor schimmert in einer Schicht aus schwarzem Gold.

Mit Ihren Geboten helfen Sie zwei armen Menschen, denen es nicht so gut geht wie Ihnen – zwei Backpackern. Unterstützen Sie die Aktion „ein Herz für Backpacker“ durch Ihr Gebot!

Der Killer oder so was wie der Jackpot im Lotto

Nachdem die Auktion in Perth nicht erfolgreich war, zog es uns entlang der wohl langweiligsten Küstenstraße dieser Welt nach Adelaide – in nur zwei Tagen.

In Adelaide, der Hauptstadt von South Australia, warteten schon zwei potenzielle Kundinnen auf uns, die bereit waren, sogar mehrere Tage bis zur Besichtigung zu warten. Gleich nach der Ankunft trafen wir die zwei Mädels aus Deutschland. Da der Anlasser meist nicht sofort funktioniert, hatten wir den Plan, die beiden bei laufendem Motor einsteigen zu lassen, um eine Probefahrt zu unternehmen. Das klappte auch ganz gut. Die Mädchen waren auch vom Innenraum Sonias beeindruckt. Und das Beste war: die hatten ähnlich wie wir überhaupt keinen Dunst von Autos.

Doch dann kam der Killer: der Besitzer ihres Hostels, der zufällig auch, seit er 12 ist, an Motoren herumbastelt, hatte sich bereit erklärt, einen kurzen Blick ins Innenleben von Sonia zu werfen. Super, das war wie der Jackpot im Lotto. Nicht. Nachdem er festgestellt hatte, dass alle Reifen „not even legal” (nicht mal mehr legal) sind, wollte er, dass wir Sonia starten.

Einmal Mechaniker umsonst

Versuch Nummer eins: nichts. Versuch zwei, drei, vier, fünf … nichts. Selbst die Mädels merkten nun, dass da etwas nicht stimmen kann. Ich schwitzte schon neben Robert, der die „das ist uns vorher noch nie passiert und ich weiß jetzt gar nicht, was los ist“- Nummer abzog, als ob er nur dafür geboren wurden wäre.

Der Opi hatte offenbar das Problem erkannt und versuchte es zu beheben. Wenigstens einmal Mechaniker umsonst. Nachdem Sonia sich entschied anzuspringen, hörte er den Motor mit einem Schraubenzieher ab und vernahm ein Geräusch, welches dort nicht sein sollte. Robert hegt bis heute wilde Verschwörungstheorien dazu, dass würde aber zu weit führen.

0 A$ zum Ersten, zum Zweiten, NICHT verkauft.

Da ansonsten die Nachfrage überschaubar war, schauten wir uns Adelaide an, schliefen illegal auf einem Parkplatz mit tausend anderen Backpackern (wir lassen uns nichts gefallen!) …

… und machten uns auf den Weg nach Melbourne, über die Great Ozean Road, die beliebteste Straße der Touris entlang des Pazifiks. Auf dem Weg sahen wir in der Nacht einen liegenden Koala auf dem Highway, zahlreiche Koalas im Wald, tausende Kängurus und die schönen Felsformationen im Wasser.

Leider entschied sich der Wettergott uns zu demütigen und ließ es die ganze Zeit in Strömen regnen, sodass wir durchfroren und nur mit mäßiger Laune uns das alles anschauten. Dazwischen gab es Berge, die Sonia mit stolzen 20 km/h erklomm.

Das Ziel: Trennung innerhalb einer Woche

Es war bereits dunkel, nebelig und glatt, als wir uns entschlossen, nicht weiterzufahren und lieber in einem Kaff mitten auf einem Berg zu nächtigen. Kein Internet, kein Empfang, keine Toilette. Wahres Backpacker Leben also.

Am nächsten Tag um sechs Uhr war Sonia dann so unterkühlt, dass sie gar nicht mehr anging – und das so kurz vorm Verkauf. Nach einer halben Stunde konnten wir dann den restlichen Teil der Route in Angriff nehmen. Dazu kamen zwei motivierte Polizisten in bester Evergreen Manier, die uns anhielten und einen Strafzettel wegen „nicht fahrtauglicher Reifen“ vergaben.

Natürlich hatten die beiden die schlechten Reifen während der Fahrt auf dem Highway identifiziert. Und auch hier hat Robert wieder wilde Verschwörungstheorien, but anyway. Die Ansage war, dass wir innerhalb einer Woche zu einer Werkstatt gehen mussten, um die Reifen zu erneuern. Daraus ergab sich das Ziel, dass Sonia definitiv innerhalb einer Woche verkauft sein müsse.

Verständlicher Pessimismus

Positiv war, dass in Melbourne bereits acht Leute nach Sonias Erscheinen gefragt hatten. Einer war so interessiert, dass er ständig SMS schrieb und unbedingt als erster besichtigen wollte.

Angekommen und nach einer warmen Dusche meldeten sich schon die ersten potenziellen Käufer. Zwei Italiener, die für ihren Cousin das Auto begutachteten. Der Vorteil war, dass sie selbst eine Schrottkiste fuhren, die 1984 gebaut wurde. Sichtlich begeistert erzählten sie das ihrem Cousin, der es dann aber am Ende doch nicht wollte, weil es nicht zu seinen „Businessplänen“ passen würde. Robert und Verschwörung, egal!

Am nächsten Tag war es ein Pärchen aus Deutschland, das einen Haufen dummer Gründe nannte, warum sie Sonia nicht kaufen wollen. Unsere #1: Sonia ist im Inneren zu dunkel. Mehrmals hatten wir erwähnt, dass wir es wegen den Bullen abgedunkelt hätten. Nevermind! Idioten.

Die zwei Knaben

Es folgten zwei Knaben aus Deutschland, die gerade aufgehört hatten, die Brust ihrer Mütter zu bekommen. So jung waren die. Versteht ihr? Das Gespräch war sehr gut. Robert ganz der Vertriebler, Laura die hübsche Hostess. Blöd nur, dass die beiden Burschen vor drei Wochen erst ein Auto gekauft hatten, was nach 3 Tagen fahren in die australische Auto-Hölle abgestiegen war. Und der Oberburner: sie hatten die Karre auch noch von Deutschen gekauft.

Ich bitte dich Karma – was soll das? Da konnte auch Roberts Kniff mit: „Je früher ihr euch entscheidet, umso mehr können wir runtergehen und ein lautes „KAUFEN, KAUFEN, KAUFEN“ nichts an dem verständlichen Pessimismus der beiden Sprösslinge ändern. Was mich etwas auf die Palme brachte war die Aussage, dass er sich ja mit Autos auskenne und deshalb nicht kaufen könne? What? Du kaufst ein Auto, was nach drei Tagen Schrott ist und unser Baby lehnst du ab? Gut, dass er uns das per Whatsapp geschrieben hat und ich somit meine Hasstirade an Robert auslassen konnte.

Aus den gefühlt 1.000 Nachrichten und Anfragen waren dann diese drei Besichtigungen geworden. Und der Typ, der schon ganz hippelig war, weil er Sonia unbedingt sehen wollte? Nie wieder was gehört.

Wir klatschten ab und lachten laut und gruselig

Die Tage verronnen und aus sieben war plötzlich ein Tag geworden. Und was macht man, wenn man in Australien kein Bock hat, einen Strafzettel zu bezahlen? Genau, man fährt einfach in einen anderen Bundesstaat. In Queensland hatten wir uns das schon zu Nutze gemacht und waren in den Westen gefahren. Und jetzt war es an der Zeit dem Süden den Rücken zu kehren und wieder Richtung Sydney und New South Wales aufzubrechen. Bis 12 Uhr mussten wir bei einer Behörde in South Australia sein, um die neuen Reifen bestätigen zu lassen, um 11:30 Uhr waren wir in New South Wales. Wir klatschten ab und lachten laut und gruselig. Doch dieses Karma…

Mein moderner Held

Auf dem Weg nach Canberra, um kurz nach 10 Uhr abends passierte es. Robert hatte vorher schon ein Schlingern bemerkt, doch jetzt wisch er relativ hastig von der Spur nach links ab. Links wartet der Graben. Doch diesem modernen Helden gelang es, dass Fahrzeug wieder unter Kontrolle zu bringen und mit seiner ganzen Männlichkeit und seinen unglaublich starken Muskeln das Monstrum sicher neben der Fahrbahn zu parken.

Eine Rauchschwade zog an uns vorbei. Unerschrocken stieg Robert aus und betrachtet das Unglück. Der Reifen war als solches nicht mehr identifizierbar. Es war dunkel, es roch nach geschmolzenem Gummi, die 67 Tonnen Trucks donnerten an uns vorbei, aber mein Held behielt einen klaren Kopf. Seine Furchtlosigkeit entzückte mich. Er schnappte sich den Werkzeugkoffer und versuchte die Schrauben am Reifen zu lockern. Und Karma hatte noch nicht genug! Robert setzte seine ganze Kraft ein, er schrie, er schwitzte, doch die Schrauben bewegten sich kein Stück.

You can be my hero, baby – You can kiss away the pain – You will stand by me forever – You can take my breath away

Canberra – Die Hauptstadt von Australien

Es lag übrigens daran, dass die Schrauben in die andere Richtung montiert waren. Daran sollten in den nächsten Tagen noch erfahren Mechaniker scheitern. Robert gelang es, das Auto aufzubocken und den Reifen abzunehmen. Hinzu kamen noch zwei freundliche Männer von den Fiji Inseln, die Sonia zusätzlich aufbockten, da unser Wagenheber nicht groß genug war. Ersatzreifen drauf. Robert hatte uns gerettet.

Mit dem schlechtesten und unsichersten Ersatzrad dieser Welt krochen wir in eine 10 km entfernte Stadt, um am nächsten Tag einen neuen Reifen zu kaufen. Karma sollte man nicht zu häufig herausfordern.

Mit neuem Reifen und noch mehr Respekt für meinen Helden hatten wir es nach Canberra geschafft. Die Hauptstadt von Australien, ist im Vergleich zu anderen Städten eher unscheinbar und schlicht. Sie ist gerade mal ein bisschen mehr als hundert Jahre alt und wurde Hauptstadt, weil Sydney und Melbourne um diesen Titel stritten. So wurde die Stadt erst erbaut und liegt jetzt symmetrisch angeordnet zwischen den beiden. Wir blieben nur einen Tag, weil es neben Museen nur das Parlamentsgebäude gab. Zuvor wollten wir noch einen weiteren Reifen wechseln lassen und fanden dann abgeschieden eine unauffällige Werkstatt. Wir fragten einen Mann, ob er Reifen vorrätig hätte, worauf er fragte: „Seid ihr aus Deutschland?“.

Mit Buttermesser ins Parlamentsgebäude

Es stellte sich heraus, dass er mit seiner Freundin eine Weltreise macht und nebenbei in der Werkstatt arbeitet. Die Mitarbeiter waren alles coole Socken und rieten uns „fahrt einfach nach Sydney, und investiert nicht in neue Reifen, wenn ihr das Auto eh verkaufen wollt“. Sie halfen uns beim Wechseln des Reifens, sodass der neue Reifen vorne war (sicher ist sicher). Und wir bekamen einen neuen Reifen auf unsere Felge, sodass wir zumindest einen Ersatzreifen hatten. Danach schauten wir uns das Parlamentsgebäude an und mussten unser Buttermesser, welches wir im Rucksack vergessen hatten, beim Security Check abgeben, was wir aber selbstverständlich am Ende wieder einforderten! Wir saßen im Senat und hörten eine Debatte vom Verkehrsministerium („Alle Backpackervans müssen von der Polizei angehalten werden, damit wir ihnen so viel wie möglich Geld abknöpfen und ihnen das Leben erschweren“ – Nein Spaß, das hat er nicht gesagt. Das war das Thema der letzten Sitzung).

Nach Canberra ging es weiter nach Sydney, wo wir unsere Reise vor knapp einem halben Jahr gestartet hatten. Unser Ziel des Loops haben wir somit erreicht. Einmal komplett einen Kontinent umrunden.

Mit dem Handicap Sonia! Das soll uns erst einmal jemand nachmachen.

Wir sind sie los

Und das absolut Beste an Sydney? Wir sind sie los. Ja. Wirklich. Los, los, loooooooooooooooos! We are the, the winner takes it all, come on Sonia. Und wer hat sich erbarmt. Wen haben wir in die Honigfalle gelockt? Oan Bayer! Wia hom mia gelacht. Wia hom mia geweint.

2.400 A$. Nie hat sich für Robert ein Geschäft besser angefühlt. Never ever. Das Geplänkel im Vorfeld erspare ich euch. Aber die Übergabe war hilarious.

Wir hatten also ausgemacht, wo wir uns treffen. Sonia hatte immer noch die Macke mit dem Anspringen. Nicht riskieren, dass es dazu kommt. Auto parken. Rucksäcke raus. Wir müssen soooo dringend zum Bus.

Und jetzt her mit dem verdammten Geld. Was? Da fehlen 100 A$. „Könnt ihr mich schnell zur Bank fahren, da hol ich den Rest?“. „Laura, schau mal schnell, ob hier eine Bank ist, die man zu Fuß erreichen kann.“ Irgendwie ist es dann nochmal gut gegangen.

Als wir die ganzen Mäuse in der Hand hielten, sind wir mit 20 kg Marschgepäck so schnell gerannt wie noch nie in unserem Leben. Die Freude war riesig, die Aussichten super. Und den Weg ins Hostel (für eine Nacht) haben wir dann auch irgendwie bewerkstelligt.

1 Kommentar

  1. Anett und Uwe

    …mit Abstand der beste Blog von euch; wir haben uns vom Anfang bis zum Ende köstlich amüsiert; ich denke mal, Robert, du warst der Schreibling, großes Kompliment!

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