Hey ihr da drüben! Ja ihr, im beschaulichen Deutschland! Jetzt mal ehrlich, was kann euch schon schlimmes passieren? Nun gut, ihr könntet euch den kleinen Zeh am Laptop brechen, weil ihr unachtsam wart.

Oder ihr schneidet euch in den Finger beim Kartoffel schälen, erleidet einen Herzinfarkt und kollabiert, weil ihr dem Bus, der Bahn oder dem Taxi hinterherjagt, untrainiert wie ihr seid, nur damit ihr pünktlich bei Tante Erna ankommt.

Volkssport: sterben!

Die Aussie´s haben neben Bowls und Rugby noch einen anderen Volkssport: sterben! Es gibt praktisch nichts, worüber die Menschen hier öfter reden. Waren es am Anfang noch Sätze wie: “passt auf Haie auf”, sind wir mittlerweile bei Krokodilen, Quallen, Dingos, Ameisen, Fröschen, Moskitos, Spinnen, der Sonne, fehlendem Wasser und noch 100 anderen Arten, wie man draufgehen kann.

Aber die haben die Rechnung nicht mit uns gemacht. Wie langweilig wäre es beispielsweise, wenn man dran glauben muss, nur weil man wissen wollte, wie der Frosch von nebenan schmeckt und man deshalb mal an ihm geleckt hat. Eine kaputte Bremse beim Auto? Kindergarten, immerhin hat Billy not Silly das an einem einzigen Tag repariert! Oder was ist mit dieser monströsen Pfütze und dem Unwetter? Aufwärmprogramm.

Wir sind jetzt knapp drei Wochen hier, in diesem wunderschönen Land, aber jetzt wollen wir es endlich wissen. Es muss doch einen tieferen Sinn haben, warum man tausende Kilometer fliegt und genau deswegen haben wir uns dazu entschlossen, auf der berüchtigsten Farm an der Ostküste zu arbeiten. Die hat nicht einmal einen Namen, beziehungsweise haben wir uns diesen nicht gemerkt. Die einzige Info die wir hatten war, dass sie sich in der Nähe von Beerwah befindet und wir am Schild “Schlachter” vorbei fahren sollen. Und so kamen wir an einem wunderschönen, sonnigen Mittwoch um halb sieben in der Früh auf der Farm an. Wir wurden von einer Traube Menschen empfangen.

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Ray ist der Anführer

Ray kommt aus Korea. Er könnte aber auch aus China kommen und dort eine Strafkompanie befehligen. Ray trägt immer Sonnenbrille, damit man seine finsteren Augen nicht sehen kann. Er steigt nur aus seinem klimatisierten Auto, mit dem er um uns herum Patrouille fährt, um einem einen richtigen Einlauf zu verpassen.

Natürlich, man muss dazu sagen, dass Laura lange vor unserer Reise Semesterferien hatte und nicht jeden Tag in der Uni trainieren konnte. Und ich? Ich arbeite als Bürohengst und hab das letzte mal mit 18 Jahren einen 20 Meter Sprint hingelegt. Körperlich waren wir also in einer desolaten Verfassung. Aber das man vom Unkraut ziehen innerhalb von fünf Stunden solche schlimmen Schmerzen bekommen könnte, war uns auch nicht bewusst.

Am ersten Tag bestand unsere Aufgabe darin, große Unkrautpflanzen und auch sonstiges Gestrüpp von den Erdbeerpflanzen zu entfernen. Hinstellen, nach unten beugen, rausziehen, aufrichten, weitergehen und so weiter. Fünf Stunden – 300 Minuten. Klingt gar nicht so lange. Ist es auch nicht. Aber wir hatten Muskelkater in Regionen unseres Körpers, wo man gar keine Muskeln vermuten würde. Einfach unglaublich. Zu der extrem harten Arbeit kommt die sengende Hitze, die bereits ab 9 Uhr Temperaturen erzeugt, dass man lieber im Pool planschen gehen würde.

Als Schmerzensgeld erhielten wir am ersten Tag immerhin gemeinsam mehr als 200 A$. Gutes Geld, für 5h Arbeit. Doch geplagt von den Schmerzen des ersten Tages, wurden die anderen Tage nicht viel angenehmer. Jeden Morgen musste wir uns um halb sechs aus unserem Bett quälen, mit der Aussicht, dass Ray uns schon nett motivieren würde. Am 3. Tag war es soweit, dass Ray Laura feuern wollte, weil sie sich kurz hingesetzt hatte, um ihre Arbeit aus einer sitzenden Position auszuführen. “You are shitting there, you are out.” (die Übersetzung müsst ihr euch selbst besorgen) Laura gewann das Wettstarren gegen Ray und so konnten wir unsere Arbeit fortsetzen.

Die Kuhle

20160918_rola_an0112Glücklicherweise war der Spaß nach der getanen Arbeit nicht vorüber. Unser Auto war von anderen Mitarbeitern dermaßen perfekt zugeparkt, dass wir lediglich nach vorn in Richtung Feld ausparken konnten. Dumm nur, dass dort eine Kuhle von ca 20 cm wartete. Voller Optimismus und in Sorge, dass die Achse dabei brechen könnte, fuhr ich langsam und mit Bedacht den Weg in Richtung Freiheit. Die nächste Stunde verbrachten wir dann damit, zu versuchen, dass Auto aus der Umklammerung der Kuhle zu befreien. Die Hinterreifen hatten sich inzwischen exzellent in die Graslandschaft vergraben und auch der vordere Bereich war inzwischen erfolgreich im Matsch abgesunken. Wir steckten fest. Retten konnte uns zum Schluss nur noch der Big Boss der Farm, der uns mit seinem Pick Up aus der Senke zog.

Voller Schlamm zogen wir weiter zum Information Center von Caloundra. Andere Backpacker hatten uns von der vorzüglichen Dusche berichtet. Die Show der quiekenden Schweine bei einer Wassertemperatur von 15 Grad konnte beginnen.

Am Abend fuhren wir nach Brisbane, um gemeinsam mit Julia in ihren Geburtstag reinzufeiern. Ihre Freundin Eva zeigte uns die besten Plätze der Stadt. Ein tolles Essen beim Vietnamesen wurden durch den Besuch der besten Bar der Stadt und ein gemeinsames Ausklingen des Abends bei Eva daheim gekrönt.

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Der Eid

In der Nacht fuhren wir noch nach Beerwah zurück. Laura hatte mir den Eid geleistet, dass wir noch einen weiteren Tag auf der Farm arbeiten würden. Irgendwie konnte sie sich, nach knapp 4h Schlaf und einem anstehenden Arbeitstag auf der Farm, nicht mehr an diesen erinnern. Die Fahrt zur Farm war dann auch von einer eisigen Kälte geprägt, was nicht am Wetter lag.

Ray hatte es an diesem Tag besonders auf uns beide abgesehen. In jeder unbeachteten Sekunde versuchten wir nichts zu tun. Doch auch wenn wir dann mal ernsthaft arbeiteten, hatte Ray was auszusetzen. Der Höhepunkt kam als er uns ermahnte, dass wenn er uns irgendwann noch einmal gemeinsam sehen würde, er keine Arbeit mehr für uns hätte.

Anmerkung

Wie dem auch sei. Letztendlich haben wir den harten chinesischen, ehm koreanischen Drill auf der Farm, die brennende Sonne und die Kuhle, die uns einfach nicht mehr gehen lassen wollte, überstanden.

Unser Survival-Training ist somit um eine nicht schöne, aber wertvolle Lektion bereichert. In den kommenden Tagen werden wir uns daran machen, uns nur von Insekten zu ernähren, aus einem fliegenden Flugzeug zu springen und gemeinsam mit Haien zu tauchen. Lest gerne mehr.

Zu den Bildern: